Vielleicht kennst du das: Du wolltest eigentlich nur ein Stück Schokolade essen. Am Ende ist die halbe Tafel weg. Oder aus einer kleinen Portion Chips wird doch die ganze Tüte? Solche Situationen kennen die meisten Menschen. Sie gehören zum Alltag und bedeuten noch lange nicht, dass eine Essstörung dahintersteckt. Anders ist es, wenn Essanfälle immer wieder auftreten und du währenddessen das Gefühl hast, die Kontrolle über dein Essen zu verlieren und die Situation dich stark belastet. Dann kann eine sogenannte Binge-Eating-Störung dahinterstecken. Viele Betroffene machen sich große Vorwürfe. Sie denken, sie müssten sich einfach mehr zusammenreißen oder endlich die richtige Diät finden. Genau das ist aber meistens nicht das Problem. Binge-Eating ist eine anerkannte Essstörung und sie lässt sich behandeln.

Was ist Binge-Eating überhaupt?

Bei einer Binge-Eating-Störung kommt es immer wieder zu Essanfällen. Während dieser Anfälle wird in kurzer Zeit eine größere Menge gegessen. Das Entscheidende ist aber nicht die Menge, sondern das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben. Viele beschreiben es so, als würde alles automatisch ablaufen. Obwohl sie eigentlich aufhören möchten, essen sie weiter. Erst wenn der Essanfall vorbei ist, kommt das schlechte Gewissen. Nicht jeder Essanfall bedeutet automatisch, dass eine Binge-Eating-Störung vorliegt. Jeder von uns isst an manchen Tagen mehr als sonst, wie zum Beispiel an Weihnachten oder bei einer Feier. Bei einer Essstörung passiert das jedoch regelmäßig und geht mit einem hohen Leidensdruck einher.

Warum entsteht eine Binge-Eating-Störung?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Meist kommen verschiedene Dinge zusammen. Stress, belastende Lebensereignisse, Ängste oder Depressionen können eine Rolle spielen. Auch ein geringes Selbstwertgefühl oder eine starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper erhöhen das Risiko. Ein Punkt wird dabei häufig unterschätzt: Diäten. Viele Menschen mit Binge-Eating haben schon unzählige Diäten hinter sich. Sie verzichten auf Kohlenhydrate, zählen Kalorien oder verbieten sich Süßigkeiten. Anfangs funktioniert das vielleicht sogar. Doch je länger bestimmte Lebensmittel verboten sind, desto größer wird oft das Verlangen danach. Dazu kommt etwas ganz Natürliches, denn unser Körper möchte ausreichend mit Energie versorgt werden. Bekommt er über längere Zeit zu wenig, reagiert er mit Hunger. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Schutzmechanismus. Wer dann zusätzlich unter Stress steht oder einen schlechten Tag hat, schafft es häufig nicht mehr, die strengen Regeln einzuhalten. Aus einem Keks werden zehn. Danach kommt der Gedanke: Jetzt ist sowieso alles egal. Und genau damit beginnt der Kreislauf oft von vorne.

Essen stillt manchmal mehr als nur Hunger

Bei einer Binge-Eating-Störung geht es oft gar nicht um körperlichen Hunger. Manchmal wird gegessen, weil der Tag anstrengend war. Weil man sich einsam fühlt. Weil Ärger, Traurigkeit oder Überforderung gerade zu viel werden.

Essen kann für einen kurzen Moment beruhigen. Es lenkt ab und sorgt dafür, dass unangenehme Gefühle in den Hintergrund rücken. Das funktioniert allerdings meist nur für eine kurze Zeit. Danach sind die Gefühle wieder da und häufig sogar stärker als vorher. Dazu kommen Schuldgefühle und Selbstvorwürfe. So entsteht ein Kreislauf, aus dem viele alleine nur schwer wieder herausfinden.

Woran erkennst du eine Binge-Eating-Störung?

Nicht jeder erlebt die Erkrankung gleich. Es gibt aber einige typische Anzeichen. Dazu gehören wiederkehrende Essanfälle, das Gefühl, die Kontrolle über das Essen zu verlieren, sehr schnelles Essen oder Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl. Viele essen auch dann weiter, obwohl sie eigentlich gar keinen körperlichen Hunger haben. Manche verstecken Lebensmittel oder essen heimlich, weil ihnen die Situation unangenehm ist. Nach dem Essanfall folgen häufig Scham, Traurigkeit oder der Vorsatz, am nächsten Tag besonders wenig zu essen. Genau dieser Vorsatz kann den nächsten Essanfall jedoch begünstigen.

Welche Folgen kann die Erkrankung haben?

Binge-Eating belastet nicht nur die Psyche. Auch körperlich kann die Erkrankung Folgen haben. Viele Betroffene nehmen im Laufe der Zeit zu und entwickeln Übergewicht oder Adipositas. Dadurch steigt unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, eine Fettleber oder Gelenkbeschwerden. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Mensch mit Binge-Eating übergewichtig ist. Auch normalgewichtige Menschen können betroffen sein. Umgekehrt hat auch nicht jeder Mensch mit Übergewicht automatisch eine Essstörung.

Eine Binge-eating-Störung kann man jemandem nicht am Körper ansehen.

Wie sieht die Behandlung aus?

Die gute Nachricht ist, dass Binge-Eating behandelbar ist. Ein wichtiger Bestandteil ist die Psychotherapie. Dort geht es unter anderem darum, die Auslöser der Essanfälle besser zu verstehen und neue Wege zu finden, mit belastenden Situationen umzugehen. Auch die Ernährungstherapie spielt eine wichtige Rolle. Viele erwarten hier einen strengen Ernährungsplan oder die nächste Diät. Genau darum geht es aber nicht.

Ziel ist es vielmehr, wieder regelmäßige Mahlzeiten in den Alltag zu bringen und den ständigen Wechsel zwischen Verzicht und Essanfall zu durchbrechen. Denn wer tagsüber kaum etwas isst, hat abends meist nicht nur großen Hunger, sondern auch deutlich weniger Kraft, bewusste Entscheidungen zu treffen. Außerdem geht es darum, Lebensmittel nicht länger in ‘erlaubt’ und ‘verboten’ einzuteilen. Je strenger die Regeln, desto größer wird häufig der Druck. Und genau dieser Druck endet nicht selten im nächsten Essanfall. Ein entspannter Umgang mit Essen entsteht nicht über Nacht. Aber Schritt für Schritt kann es gelingen, wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln.

Binge-Eating ist keine Charakterschwäche. Es ist auch kein Zeichen dafür, dass du zu wenig Disziplin hast oder einfach nur mehr Sport machen solltest. Es ist eine Erkrankung. Und wie jede andere Erkrankung verdient sie eine passende Behandlung. Je früher du dir Unterstützung holst, desto besser. Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt oder suche dir Unterstützung bei einer Psychotherapeutin, einem Psychotherapeuten oder einer qualifizierten Ernährungstherapie. Du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Oft beginnt Veränderung mit einem einzigen Schritt, nämlich dem Entschluss, dir Hilfe zu holen.