Je naturbelassener, desto gesünder. So lässt sich die Idee hinter dem Ernährungstrend „Gottes Nahrung“ ziemlich gut zusammenfassen. Gegessen werden vor allem Lebensmittel, die möglichst direkt aus der Natur kommen: Gemüse, Obst, Nüsse, Samen, Kräuter, Honig, Eier und Rohmilchprodukte. Stark verarbeitete Produkte sollen dagegen möglichst vom Speiseplan verschwinden. Das klingt zunächst einmal ziemlich vernünftig. Schließlich ist eine Ernährung mit viel Gemüse, Obst und anderen pflanzlichen Lebensmitteln grundsätzlich empfehlenswert. Bei genauerem Hinsehen gibt es allerdings ein paar Punkte, die kritisch zu sehen sind. Denn je nach Auslegung gehören auch Rohmilch und rohes oder nur wenig gegartes Fleisch dazu. Gleichzeitig werden verarbeitete Lebensmittel und teilweise sogar raffinierte Pflanzenöle grundsätzlich abgelehnt. Entscheidend ist also vor allem die Frage: Ist ein Lebensmittel tatsächlich besser für uns, nur weil es möglichst naturbelassen ist?

Viel frisches Obst und vor allem Gemüse ist ein willkommener Ernährungstrend.

Ein neuer Name für eine alte Idee?

Bekannt geworden ist „Gottes Nahrung“ vor allem über TikTok, Instagram und andere soziale Netzwerke. Eine feste Definition gibt es nicht. Es handelt sich weder um eine klassische Diät noch um ein wissenschaftlich entwickeltes Ernährungskonzept. Im Mittelpunkt steht die Vorstellung, möglichst das zu essen, ‘was von Gott gegeben wurde’. Bei manchen Anhängerinnen und Anhängern ist das tatsächlich religiös oder spirituell geprägt. Bei anderen steht eher der Wunsch im Vordergrund, sich möglichst natürlich zu ernähren. Die Grundidee kennen wir längst von anderen Ernährungstrends. Auch Clean Eating und ähnliche Ernährungskonzepte setzen auf frische Lebensmittel und möglichst wenig industriell hergestellte Produkte. Neu sind vor allem die Verpackung und die starke Verbreitung über Social Media. Problematisch wird es, wenn persönliche Erfahrungen in sozialen Medien zu allgemeinen Ernährungsempfehlungen werden. Wer sich nach einer Ernährungsumstellung fitter fühlt, besser schläft oder Gewicht verliert, kann darüber natürlich berichten. Daraus lässt sich aber noch nicht ableiten, dass die Ernährungsweise grundsätzlich gesünder ist. Für einen besonderen gesundheitlichen Nutzen der „Gottesernährung“ gibt es bislang keine wissenschaftlichen Belege.

Vieles daran ist tatsächlich sinnvoll

Ein großer Teil der empfohlenen Lebensmittel passt sehr gut zu einer ausgewogenen Ernährung. Gemüse und Obst liefern Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Nüsse und Samen bringen unter anderem ungesättigte Fettsäuren und pflanzliches Eiweiß mit. Auch häufiger selbst zu kochen und stark verarbeitete Lebensmittel nicht täglich zum Mittelpunkt der Ernährung zu machen, ist eine gute Idee. Wenn du durch „Gottes Nahrung“ mehr Gemüse isst, häufiger Nüsse und Samen einbaust und weniger Softdrinks, Süßigkeiten oder stark verarbeitete Fertigprodukte konsumierst, kann das deine Ernährung durchaus verbessern. Nur braucht es dafür eigentlich keinen neuen Ernährungstrend. Eine abwechslungsreiche und überwiegend pflanzenbetonte Ernährung wird schon lange empfohlen.

Ist unverarbeitet wirklich immer besser?

Verarbeitet’ wird bei solchen Ernährungstrends schnell zum Synonym für ‘ungesund’. Ob ein Lebensmittel gut in deine Ernährung passt, lässt sich aber nicht allein daran festmachen, ob es verarbeitet wurde. Haferflocken werden gedämpft und gewalzt. Naturjoghurt wird fermentiert. Gemüse wird vor dem Tiefkühlen gewaschen und häufig blanchiert. Brot wird gebacken und Hülsenfrüchte aus dem Glas wurden ebenfalls verarbeitet. Das alles sind Lebensmittel, die problemlos Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sein können. Entscheidender ist deshalb, wie stark ein Lebensmittel verarbeitet wurde, welche Zutaten enthalten sind und welche Rolle es in der gesamten Ernährung spielt. Viele hochverarbeitete Produkte liefern viel Energie, Zucker, Salz oder Fett und sättigen gleichzeitig vergleichsweise wenig. Solche Lebensmittel sollten nicht den größten Teil unserer Ernährung ausmachen. Komplett darauf verzichten musst du deshalb aber nicht. Verarbeitung kann außerdem einen ganz praktischen Nutzen haben. Tiefkühlgemüse ist lange haltbar, Hülsenfrüchte aus dem Glas sind schnell zubereitet und pasteurisierte Milch ist mikrobiologisch sicherer als Rohmilch.

Rohmilch wirkt sehr natürlich und gesund, kann aber gefährlich sein.

Rohmilch zeigt ganz gut, wo der Trend an seine Grenzen kommt

Rohmilch passt auf den ersten Blick perfekt zum Gedanken von „Gottes Nahrung“. Sie kommt direkt vom Tier und wurde nicht pasteurisiert. Gerade diese Ursprünglichkeit wird innerhalb des Trends teilweise positiv bewertet. Aus hygienischer Sicht kann sie aber ein Risiko darstellen. Rohmilch kann Krankheitserreger enthalten. Besonders Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder, ältere Menschen sowie Personen mit geschwächtem Immunsystem sollten deshalb auf den Rohverzehr verzichten, beziehungsweise Rohmilch vor dem Trinken ausreichend erhitzen. Bei rohem oder nicht ausreichend gegartem Fleisch gilt Ähnliches. Auch darüber können Krankheitserreger aufgenommen werden. Für empfindliche Personengruppen ist ausreichend erhitztes Fleisch deshalb die sicherere Wahl.

Gesund essen, ohne dass Essen zum Regelwerk wird

Ein positiver Trend kann außerdem ins Gegenteil kippen, wenn die Regeln immer strenger werden. Dich gesund ernähren zu wollen, ist erst einmal etwas Gutes. Wenn du aber immer mehr Lebensmittel von deinem Speiseplan streichst, Restaurantbesuche schwierig werden oder nach einem vermeintlich ‚falschen‘ Essen Schuldgefühle entstehen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Eine sehr starke Fixierung auf vermeintlich gesundes Essen wird als Orthorexie bezeichnet. Nicht jeder Mensch, der sich intensiv mit Ernährung beschäftigt, entwickelt deshalb ein problematisches Essverhalten. Entscheidend ist, ob die eigenen Regeln anfangen, den Alltag und das soziale Leben zu bestimmen. Denn zu einer gesunden Ernährung gehört mehr als die perfekte Auswahl einzelner Lebensmittel. Essen darf auch schmecken, unkompliziert sein und gemeinsam mit anderen stattfinden.

Was lässt sich also aus „Gottes Nahrung“ mitnehmen?

Die Grundidee hat durchaus etwas für sich: mehr Gemüse und Obst, regelmäßig Nüsse und Samen, häufiger selbst kochen und stark verarbeitete Lebensmittel nicht zum Mittelpunkt der Ernährung machen.

Dafür braucht es allerdings keine strengen Regeln und auch nicht die Vorstellung, dass naturbelassen automatisch gesünder bedeutet. Haferflocken dürfen gewalzt, Gemüse darf tiefgefroren und Milch darf pasteurisiert sein. Und auch ein Fertigprodukt darf gelegentlich auf dem Teller landen. Entscheidend ist nicht ein einzelnes Lebensmittel, sondern wie deine Ernährung insgesamt aussieht und ob sie langfristig zu deinem Alltag passt.